
Bild Livia Mauerhofer
Von Valerie Schlegel
Markus Balzer ist ein Beizer. Ihm gehört der «Olmische Kober» – ein rustikales Grillhüttli im Welschdörfli. Wer in dieser Beiz jemals zu Gast war, wird von nostalgischen Erinnerungen überhäuft. Denn die «Spunte», wie der Beizer selbst sagt, verkörpert die klassischen Werte – und das nicht nur beim Essen oder der Einrichtung. «Hier drin sind alle gleich. Gegenseitiger Respekt wird hier grossgeschrieben», sagt der Wirt mit Überzeugung.
Der Geissenpeter im Welschdörfli
Ursprünglich hat Balzer den Beruf Forstwart gelernt. Neben seiner Arbeit im Wald zog es ihn oft in das Welschdörfli, wo er in den Nachtklubs für Ordnung sorgte. «Ich habe den Geissenpeter im Welschdörfli gespielt», sagt der Wirt heute mit einem Schmunzeln im Gesicht.
Jahrelang arbeitete er in den verschiedensten Nachtklubs an unterschiedlichsten Orten – bis er eines Tages genug hatte. «Ich wollte schon immer eine eigene Knelle haben», erklärt Balzer. Seine Vision war es, einen Ort zu schaffen, an dem jeder einfach sein kann, wie er ist. Und so erfüllte sich Balzer seinen Traum und eröffnete vor etwa 20 Jahren die Beiz «Olmisches Kober».
Suchtkranke finden im «Olmischen Kober» einen Platz
Die Vision der Beiz ist auch heute noch aktuell. Balzer bietet Drogensüchtigen einen Arbeitsplatz an. Aktuell sind es drei Festangestellte, die mit diesem Problem kämpfen. Von Balzer erhalten die Betroffenen jedoch vollstes Vertrauen. «Anders geht es nicht. Sie haben einen Schlüssel und ständig Zugang zur Kasse. Ich vertraue ihnen», sagt der Beizer dazu. Die Betroffenen mit Worten vom Drogenkonsum abhalten zu wollen, nütze nichts. Sie müssten spüren, dass sie ein Teil der Gesellschaft sind und die Verantwortung dafür tragen.
Vertrauen ist wichtig – aber Vorsicht ebenfalls
Balzer beschäftigt zusätzlich einzelne temporäre Mitarbeitende. Temporär deshalb, weil sie noch nicht vollständig in der Lage seien, an die «Front» zu gehen. Von ihnen lebt einer aktuell auf der Strasse. Dieser komme meist nur, wenn es ihm gar nicht mehr gut gehe. «Hier erhält er dann seinen Job, etwas zu essen und bekommt eine Zigarette», sagt Balzer. Chancen geben und offenbleiben, darauf komme es dem Wirt an.
Obwohl dieses Konzept meist gut funktioniert, wisse Balzer am Morgen nicht, welche Angestellten in welchem Zustand zur Arbeit erscheinen. «Jeder Tag ist eine Überraschung», meint Balzer mit einem strahlenden Lächeln dazu. Was hat ihn aber dazu bewegt, Suchtkranke trotz den Risiken bei sich arbeiten zu lassen? Der Wirt antwortet darauf, er habe ein solch beglücktes Leben geführt, er möchte dem Leben etwas zurückgeben. Auch den Menschen möchte Balzer eine Chance geben: «Ich werte keine Leute. Für mich sind alle gleich.»
Für die schönen Momente lohne es sich
Über die Probleme spricht Balzer weniger gerne: «Das ist wie in einer Familie – den Krach löst man unter sich.» Das funktioniere auch die meiste Zeit. Über was der Wirt lieber spricht, sind die schönen Momente. Beispielsweise als die Putzfrau für eine längere Zeit in den Ferien war, da habe sie zwei Tage lang im Lokal geputzt, gekocht und Dinge vorbereitet. «Als ich ihr gesagt habe, sie soll doch nach Hause gehen, meinte sie zu mir, sie habe die Beiz so sehr vermisst, sie möchte es noch ein wenig geniessen», erzählt Balzer mit einem Strahlen im Gesicht.
Dass Arbeit den Suchtbetroffenen hilft, ist keine neue Erfindung von Balzer – der Fachverband Sucht bestätigt das. Laut ihrer Webseite zeigen internationale Studien, wer nach einer Suchtbehandlung wieder arbeitet, hat ein geringeres Risiko, rückfällig zu werden. Gleichzeitig brauchen arbeitslose Menschen mehr Unterstützung in der Suchtprävention, wie es weiter auf der Webseite heisst.
Ein Konsumraum neben der Beiz
Der geplante Konsumraum stellt eine neue Herausforderung für die Beiz dar. Von seinen Mitarbeitenden weiss Balzer, dass sie versuchen, nicht mehr in den Churer Stadtpark zu gehen. Sie entflohen damals der offenen Drogenszene und fanden einen Unterschlupf im «Olmischen Kober». Mit dem geplanten Konsumraum, wenige Meter von der Beiz entfernt, verschiebt sich die Szene mit den Betroffenen.
Doch wirklich Angst vor einer negativen Entwicklung hat Balzer nicht: «So wie Patrik Degiacomi und die zuständigen Personen uns informiert haben, sollte der Konsumraum gut funktionieren.» Bedenken gebe es aber trotzdem. Die Drogensüchtigen kennen einander gut. Wenn sie sich also auf der Strasse sehen, wird gegrüsst, wie Balzer erklärt. «Man kann nicht fünf oder sechs Jahre zusammen auf der Strasse leben und dann diese Person ignorieren.» Somit kämen seine Mitarbeitenden doch wieder mit der Szene in Kontakt. «Da müssen sie die Verantwortung tragen», betont der Wirt. Trotzdem vertraue er seinen Mitarbeitenden weiterhin und glaube fest an sie.