
Bild Livia Mauerhofer
Von Valerie Schlegel
Bereits vor dem Laden «Calanda Magic» in Chur wird mein Blick wie von alleine auf das farbenfrohe Schaufenster gelenkt. Die ausgestellten Pokémon- und Disney-Figuren sind mir nicht unbekannt. Doch die meisten anderen Dinge im Schaufenster sagen mir nichts.
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Lukas Schleier, 39 Jahre alt, führt das «Calanda Magic», das seit etwa zwei Jahren an der Grabenstrasse in Chur zu finden ist. Calanda, weil Schleier an der Calandastrasse 4 aufgewachsen ist. Das «Magic» hingegen steht für das Kartenspiel «Magic: The Gathering». Schleier erklärt mir das Spiel wie folgt: «Es sind Fantasy-Sammelkarten, mit denen man zusätzlich gegeneinander spielen kann.» Laut der Website des Spieleherstellers gibt es aktuell über 22’000 verschiedene «Magic»-Karten. Deren Preise variieren von 30 Rappen bis hin zu einem fünfstelligen Betrag.
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Bei Schulschluss in den Manor, um Nachschub zu kaufen
Schleiers Leidenschaft für die «Magic»-Karten begann bereits in seiner Kindheit. Ein damaliger Freund aus Holland spielte damit. «Er kannte das Spiel und hat uns damit infiziert», scherzt Schleier. Lange habe es dann nicht gedauert, bis die meisten Primarschüler mit den Karten gespielt und sie untereinander getauscht hätten. Schliesslich habe der «Magic»-Trend auch in anderen Schulhäusern wie eine Bombe eingeschlagen.
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Die Erinnerung aus der Primarschule ist Schleier geblieben: «Ich weiss noch genau, dass wir die Karten nur im Manor oder im Spielwarenladen Schläpfer kaufen konnten.»
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Von einer neuen Leidenschaft gepackt
Wie es so ist mit Kindern – sie verlieren oft schnell ihr Interesse an einem Hobby. Schleier ging es nicht anders. Er legte seine «Magic»-Karten weg – für 20 Jahre. Stattdessen startete er nach der Oberstufe seine Ausbildung zum Koch und zog mit 16 Jahren von zu Hause aus. «Vielleicht weil ich so früh ausgezogen bin, entstand das Bedürfnis, auf eigenen Beinen zu stehen», vermutet Schleier. Denn im Jahr 2011 machte sich der Geschäftsführer ein erstes Mal selbstständig. Er führte die Beiz «Höfli» in Rodels.
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Einen drastischen Karrierewechsel vollzogen
Der Traum von der eigenen Beiz wich dann der Realität, Schleier hatte fast einen Burn-out. «14 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche habe ich gearbeitet. Es war mir zu viel», erklärt er. Er habe sich selbst enorm Druck gemacht, Leistung zu erbringen. So fand das «Höfli» 2013 ein Ende.
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Und dann? Danach arbeitete Schleier in den unterschiedlichsten Branchen: auf dem Bau, als Getränkelieferant und schliesslich als Chauffeur. «Fünf Jahre lang war jeder Tag wie der andere. Die Arbeit wiederholte sich und wiederholte sich», sagt Schleier.
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Die Coronapandemie war der Startschuss
In all dieser Zeit ging Schleiers Leidenschaft für die «Magic»-Karten nie ganz in Vergessenheit. Er handelte online mit Karten und spielte gelegentlich im Internet «Magic: The Gathering». Als dann die Coronapandemie losging, verbrachten Schleier und seine Freunde viel Zeit mit Gesellschaftsspielen: «Zuerst waren es diverse Brettspiele, danach folgten schnell die ‹Magic›-Karten.» Und bald darauf entstand das Geschäft «Calanda Magic». Dort verkauft Schleier seither nicht nur «Magic»-Zubehör, sondern auch Pokémon-, Yu-Gi-Oh!- oder Lorcana-Karten, ein neues Spiel von Disney, sowie viele strategische Brettspiele.
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Am Wochenende organisiert Schleier Turniere, hauptsächlich für Kartenspiele. Ist es denn nicht so, dass die Person mit den besten Karten gewinnt? Sammelkartenspiele seien sehr strategisch. «Die Karten sagen wenig aus. Wie man mit den Karten umgeht, entscheidet schliesslich über den Sieg», erklärt Schleier. Es sei auch kein Spiel, dass innerhalb von einer Stunde gelernt werden könne, wie beispielsweise das Kartenspiel Uno. «Es ist viel komplexer.»
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Zeit fürs Kochen: «Der Sonntag ist heilig»
Wer einen solchen Laden betreibt, formt ein gewisses Netzwerk. «Freundschaft und Kundschaft vermischt sich in meinem Laden», scherzt Schleier. Er bemühe sich stets, ein gemütliches und freundschaftliches Ambiente für Besuchende zu schaffen. Und doch vermischt sich oft Privates mit dem Geschäftlichen. Alleine am Sonntag bleiben die Türen des Geschäfts den ganzen Tag geschlossen. «Das ist mein Tag – der heilige Sonntag», scherzt Schleier. Der ehemalige Koch verbringt dann gerne mal einen Tag in der Küche und zaubert ein leckeres Essen für sich – ganz ohne Stress.