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Weshalb ein amerikanisch-schweizerischer Doppelbürger lieber einen «sexistischen, lügenden Gauner» wählt als Kamala Harris

Der in der Schweiz wohnhafte Anthony Rossini stimmte sein Leben lang für die amerikanischen Demokraten. Doch dieses Jahr spricht er sich eher für Donald Trump aus. 

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Bild Livia Mauerhofer

Von Valerie Schlegel

Im einzigen Restaurant von Segnas sitzt ein unauffälliger Mann mit Brille, Laptop und Schreibblock auf der Terrasse. Er hat einen Kaffee vor sich und geniesst die Sonne. Anthony Rossini wohnt in diesem 250-Seelen-Dorf bei Disentis/Mustér. Der schweizerisch-amerikanische Doppelbürger wählt für gewöhnlich Mitte-Links und darum die Demokraten – wie seine ganze Familie. Doch bei der aktuellen Präsidentschaftswahl in den USA ist alles anders. Dieses Mal tendiert er in den Wochen vor der Wahl dazu, Donald Trump auf den Wahlzettel zu schreiben. Um diesen Widerspruch zu verstehen, muss man etwas genauer hinschauen.

​Eine nicht endende Reise

Geboren ist Rossini in Kalifornien. Doch er lebte bereits in Georgia, Texas, New York, Boston, Massachusetts, Pennsylvania, South Carolina und Seattle. Seine Heimat fand er, als er im Jahr 2004 wegen eines Jobs in die Schweiz übersiedelte. Sein Aufenthalt sollte ein Jahr dauern, nun sind es bereits 20 Jahre. Weitere sollen folgen. Rossinis Hauptwohnsitz ist in Muttenz, eine Gemeinde in Basel-Landschaft. Vor vier Jahren entschied sich Rossini dazu, zusätzlich eine Wohnung in Segnas zu kaufen. 

Rossini hat sich in die Schweiz verliebt – obwohl der Anfang schwierig war: «Die sprachliche Hürde war mein grösstes Problem.» Das auch durch die unterschiedlichen Dialekte der Schweiz. Rossinis Wohnsituation hilft nicht unbedingt, denn in Segnas spricht man Rätoromanisch. «Es wird wahrscheinlich noch etwa zehn Jahre dauern, bis ich Freunde in Segnas finde», erklärte Rossini. Und das nicht nur wegen der Sprachbarriere: Schweizerinnen und Schweizer seien eher distanziert, aber sehr freundlich. Die Gründe, wieso er dem Land treu geblieben ist, sind andere. Die Natur, die Menschen und die Umgebung haben ihn gepackt. Unter anderem, weil er gerne in den Bergen ist. Wandern, Mountainbike fahren oder gemütlich durchs Dorf spazieren gehört zu seinen liebsten Freizeitbeschäftigungen. Ein Auto benötigt Rossini, seit er in der Schweiz lebt, nicht mehr. Im Gegenteil, er geniesst es, gemütliche Stunden im öffentlichen Verkehr zu verbringen und dabei ein gutes Buch zu lesen.

Selbstverständlich brachte der Umzug auch Umstellungen mit sich. Die Einschulung von Rossinis zwei Söhnen war komplizierter als gedacht. Denn das Schweizer Schulsystem unterscheidet sich enorm vom amerikanischen System. Als er eine Privatschule für seine Kinder organisieren wollte, was in den Vereinigten Staaten nichts Ungewöhnliches ist, riet man ihm stark davon ab: «Ich sei ein Idiot, wenn ich meine Kinder auf eine Privatschule schicke, sagte man mir.» Dass öffentliche Schulen hierzulande gut sind und es sich später – etwa bei einer Bewerbung – nicht nachteilig auswirkt, wenn man eine besucht hat, erstaunte Rossini sehr. 

Deutlich grösserer Personenkult in den USA

Ein wichtiger Faktor, weshalb sich Rossini in der Schweiz wohlfühlt, ist die hiesige Politik. In der Schweiz sei man deutlich problemorientierter als in den USA, was ihm gefalle. Und: Während sich in Ländern wie Deutschland, Österreich oder den Niederlanden die radikaleren Kräfte immer stärker durchsetzten, bleibe der Ton in der Schweiz gemässigt. «Was auch an den Parteien liegt.» Das Einzige, was dem Doppelbürger in der Schweiz etwas fehlt, sind ausgeprägte Persönlichkeiten – das ist laut Rossini in Amerika ganz anders, wie die aktuellen US-Wahlen zeigen. «Dort steht die Persönlichkeit der Kandidaten stärker im Vordergrund als die Partei selbst.»

Widersprüchliche Gefühle

Und dennoch wird Rossini den Kandidaten Trump nicht wegen dessen Persönlichkeit wählen. Den Präsidentschaftskandidaten beschreibt Rossini nämlich als «lügenden und sexistischen Gauner». Rossini wählt den Republikaner aus zwei anderen Gründen: zum einen wegen des Kriegs in Gaza. «Ich bin dafür, dass Israel sich verteidigt. Dabei darf aber kein Genozid entstehen.» Zum anderen wegen der Einkommensteuer. Wer nämlich als US-amerikanischer Bürger im Ausland lebt und Geld verdient, muss das Einkommen in den Vereinigten Staaten versteuern. «Das Geld ist das eine, aber der administrative Aufwand ist enorm», betont Rossini. Trump stehe in diesen beiden Fragen für eine Veränderung. Kamala Harris verkörpere den Status quo.

Rossini ist grundsätzlich weder von Harris noch von Trump überzeugt. Rational entscheidet er sich aber wohl für Trump. Auch wenn die Chancen schlecht stünden, dass Trump seine Versprechen halte, gebe es doch einen Funken Hoffnung, dass Trump es trotzdem tue. Das einzige Problem für Rossini: «Trump zu wählen, ist ein unheimlicher Gedanke.» Dieser Gedanke erscheint ihm sogar so beunruhigend, dass er es am Ende vorzieht, niemanden auf den Wahlzettel zu schreiben – obwohl dies seinen Überzeugungen widerspricht.

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